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Der Stellenwert von OS-Software aus Sicht von IT-Experten in Deutschland



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch IT-Survey, in dessen Rahmen diese Studie entstanden ist. IT-Survey ist ein Private Public Partnership des Lehrstuhls für Marketing der Universität Dortmund und der MATERNA GmbH.

Universität Dortmund
Dezember 2002

1. Executive Summary

Die zweite qualitative Befragung des IT-Surveys betrachtet die Verbreitung von und die Einstellung zu OS-Software aus der Perspektive von IT-Entscheidern in deutschen Unternehmen. Die vorliegende Studie verfolgt das Ziel, vor dem Hintergrund der Monopolisierungstendenzen in der Softwarelandschaft sowie dem zunehmenden Wunsch nach Unabhängigkeit auf Seiten des Anwenders, die Stellung der sich bietenden Alternative OSS zu untersuchen. Zu diesem Zweck wurden 30 OSS-Anwender aus deutschen Unternehmen mit Hilfe von qualitativen Leitfadeninterviews zu ihren OSS-Erfahrungen befragt.

Die vorliegende Studie zeigt deutlich, dass die Bedeutung von OS-Software in den nächsten Jahren zunehmen wird. Die Vorteile dieser Software und des damit verbundenen Gedankens überwiegen. So sprechen Kosten, Flexibilität, Unabhängigkeit sowie Sicherheit deutlich für die stärkere Nutzung von OS-Software. Inzwischen haben sich Communities und Foren auf der ganzen Welt gebildet, die den Gedanken der offenen Softwareentwicklung mittragen. Dies birgt jedoch auch Nachteile. Der fehlende kommerzielle Gedanke lässt teilweise den Komfort, die Kompatibilität sowie das Marketing in den Hintergrund rücken. Es fehlt an einer Lobby, die der OS-Software zum Durchbruch verhelfen könnte.

Aufgrund der losen Struktur der OSS-Entwickler wird sich diese Software zwar eher langsam, jedoch auch unaufhaltsam verbreiten. Die Struktur trägt nämlich auf der anderen Seite zu einem enormen Wissenspotenzial bei, aus dem laufend Innovationen generiert werden können. Ideen werden weltweit ausgetauscht und gegebenenfalls unbürokratisch und unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Experten realisiert.

In Deutschland ist OSS bereits relativ weit verbreitet und wird für unterschiedliche Zwecke eingesetzt. In Zukunft wird nach Meinung der Befragten beides zunehmen: Verbreitung und Einsatzbereiche.

2. Problemstellung

Der Markt für Informationssysteme ist herstellerseitig monopolistisch geprägt. Einige große Hersteller stehen einer Vielzahl von kleinen Anbietern gegenüber. Auf der Nachfrageseite haben sich die Anwendererwartungen im Zuge des rasanten technologischen Wandels stark erhöht.

Die Anbieter von Informationssystemen sehen sich angesichts dieser gestiegenen Anwendererwartungen mit einer Vielfalt von Forderungen konfrontiert. Im Interessensmittelpunkt der Nutzer stehen komplexe Hard- und Softwarelösungen mit individuellem Charakter. Proprietäre Anbieter sind trotz intensiver Bemühungen kaum mehr in der Lage, die Bedürfnisse der Anwender in ihrer Gesamtheit zu bewältigen. Eine Fokussierung bzw. Bindung auf nur einen Hersteller ist in Anbetracht dieser Komplexität nur wenig attraktiv für die Anwender. Diese fordern daher ein Höchstmaß an Flexibilität bezüglich des Einsatzgebietes und der individuellen Anpassungsfähigkeit.

Dieser Forderung nach offenen und kombinierbaren Lösungsansätzen entspricht Open Source Software (OSS). Wesentliche Merkmale von OSS sind die Offenheit des Quelltextes und die Erlaubnis zu Modifikationen sowie ein besonders günstiges Preis-/Leistungsverhältnis. Besonders in Bereichen, in denen notorische Finanznot herrscht, wie Ausbildung und öffentliche Verwaltung erfreut sich OSS zunehmender Beliebtheit. Einige Experten gehen davon aus, dass OSS seinen Siegeszug auch im Businessbereich fortsetzen wird. Es sind allerdings bisher nur wenig empirische Studien zu dieser Fragestellung durchgeführt worden. Im Rahmen des IT-Surveys sollen daher Stellenwert und Zukunft von OSS im Businessbereich näher beleuchtet werden.

3. Ziele der Untersuchung

Die zweite Studie des IT-Surveys verfolgt -aufbauend auf den Ergebnissen der quantitativen Befragung- das Ziel, Einsichten über die Bedeutung und Nutzung von OSS in Wirtschaftsunternehmen zu erhalten. Im einzelnen sollen die Fragen beantwortet werden,

  1. in welchen Bereichen des Unternehmens OSS schwerpunktmäßig eingesetzt wird und welcher Stellenwert von OSS für das Unternehmen daraus resultiert,
  2. aus welchen Gründen sich die Anwender für den Einsatz von OSS entschieden haben und welche spezifischen Vor- und Nachteile mit der OSS Nutzung verbunden sind,
  3. wie hoch das Innovationspotential von OSS im Vergleich zu herkömmlicher Software eingeschätzt wird,
  4. ob nach Einschätzung der Experten die Bedeutung von OSS in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird.

Die qualitative Studie dient einer ersten Einsätzung des Potentials von OSS im Businessbereich. Es stehen weniger generalisierbare Ergebnisse im Vordergrund, sondern es soll ein vertiefender Einblick in den Problemkreis gegeben werden.

4. Vorgehensweise

Zur Erreichung des vorgestellten Untersuchungsziels, also die Gewinnung von Einsichten in die Bedeutung und Nutzung von OSS, wird in dieser Studie eine qualitative Marktforschungsmethode eingesetzt. Die Forschungsziele qualitativer Methoden liegen hauptsächlich in dem Erkennen, Beschreiben und Verstehen psychologischer und sozialer Beziehungen. Die erhobenen Daten lassen sich nicht in den gewohnten statistischen Aussagen darstellen, sondern bedürfen der Interpretation. In der vorliegenden Studie wird die Methode des leitfaden-gestützen Interviews angewendet. Leitfäden stellen eine Art Gesprächsgerüst dar und ermöglichen die Vergleichbarkeit der Interviews.

Der Leitfaden wurde aufbauend auf den Ergebnissen der bereits zum gleichen Thema durchgeführten quantitativen Befragung entwickelt. Interessante Ergebnisse der quantitativen Studie wurden herausgegriffen, um Verifizierungen, Hintergründe, Motive und differenzierte Informationen zu bestimmten Aspekten zu erhalten. In einem nächsten Schritt wurden geeignete Experten identifiziert, in deren Unternehmen OSS eingesetzt wird und die aufgrund ihrer Funktion (in den meisten Fällen Leiter Informationstechnologie) die nötige Kompetenz für die Befragung besitzen. Von den 34 Experten, die telefonisch kontaktiert wurden, nahmen letztendlich 30 an der Befragung teil.

Die im Rahmen der Interviews erhobenen Daten wurden anschließend methodisch ausgewertet. Als Analysemethode wurde die "Zusammenfassende Inhaltsanalyse" nach Mayring verwendet. Ziel dieser Methode ist es, das gesamte Material in zwei Schritten auf wesentliche Kernaspekte zu verdichten. Zunächst werden die Aussagen auf ihren Kern reduziert und generalisiert. Im Anschluss daran werden ähnliche Aussagen zu Kernaussagen verdichtet. Durch diese Abstraktion wird ein überschaubares Abbild des Materials geschaffen.

Im nächsten Abschnitt werden die auf die beschriebene Art und Weise generierten Kernergebnisse der qualitativen Erhebung dargestellt.

5. Ergebnisse der Studie

5.1. Überprüfung des Einsatzes von OSS

Das Ziel dieser Befragung ist es, den Stellenwert von OS-Software in deutschen Unternehmen weiter zu ergründen sowie die Vor- und Nachteile des Einsatzes abzuwägen. Daher sollen nur Personen befragt werden, die OSS betrieblich zum Einsatz bringen. Der OSS-Einsatz dient somit als Ausschlusskriterium. Entsprechend lautete die Einstiegsfrage in allen Interviews: "Setzen Sie in Ihrem Unternehmen bereits OS-Software ein?". Lediglich vier der angesprochenen Unternehmensvertreter setzen demnach keine OS-Software ein.

Die vier Personen wurden kurz nach den Gründen für ihren Verzicht auf OSS in ihrem Unternehmen befragt und im Anschluss daran verabschiedet. Zwei Gründe wurden herausgestellt: Für die benötigten Anwendungen ist keine OS-Software am Markt oder es wurde bisher keine Veranlassung zu einem OSS-Einsatz gesehen. Die Argumente gegen einen Einsatz von OSS werden im Rahmen dieser Studie allerdings nicht tiefergehend behandelt. Dies zu leisten wäre Aufgabe einer weiteren Untersuchung.

Mit Hilfe des Ausschlusskriteriums flossen in der vorliegenden Studie qualitative Daten von Unternehmensvertretern (n=30) ein, die in ihrem Unternehmen OS-Software einsetzen. Eine weitere Unterscheidung in den Einsatzbereich der Software (Entwicklung, Server, Desktop etc.) erfolgte nicht.

5.2. Einsatzbereiche von OS-Software

Die Frage nach dem Einsatzbereich der OS-Software wurde vollständig aus der vorangegangenen quantitativen Befragung übernommen. Da in dieser jedoch nur vorgegebene, relativ strikt gehaltene Kategorien als Antwort zur Verfügung standen, soll die qualitative Nachfrage einen tieferen Einblick in die Einsatzbereiche gewährleisten.

Der Abbildung 5.2.A lässt sich zunächst entnehmen, dass von den Teilnehmern der Online-Befragung OSS bei...

Als weitere Einsatzbereiche wurden Office-Anwendungen (64,1%) sowie Bildbearbeitung (43,0%) genannt.

[ Abb. 5.2.A: Einsatzbereiche von OS-Software (Online-Befragung) ]
Abb. 5.2.A: Einsatzbereiche von OS-Software (Online-Befragung)

Die Antworten in den qualitativen Interviews unterscheiden sich nicht wesentlich von der oben beschriebenen Online-Befragung. Sie sind jedoch differenzierter. Insgesamt lassen sich drei größere Antwortgruppierungen ableiten. Die Befragten der ersten abgeleiteten Gruppe setzen OSS in allen denkbaren Bereichen ein. Eine typische Antwort lautet entsprechend: "Absolut überall. Meistens setzen wir Linux ein. Um genauer zu sein: Für Internet-, Intranet-, Mail-, Firewall- und Datenbankanwendungen". Die zweite Gruppe der Befragten nutzt OS-Software dagegen vornehmlich im Serverbereich (Webserver, Fileserver, Gateway, Router, Firewall). Bei der etwas kleineren dritten Antwortgruppe handelt es sich um Unternehmen, die OSS im Rahmen der Entwicklung von Software, der Webentwicklung sowie der Steuerung von Geräten einsetzen.

Insgesamt zeigt sich, dass OS-Software am stärksten in den Bereichen des Internets, Servers und in der Entwicklung eingesetzt wird. Hier scheinen das Marktvolumen sowie die Zukunftsaussichten groß zu sein. Wenig vertreten ist dagegen der Einsatz von OSS in den Anwendungs-bereichen. Offenbar haben hier Hersteller von Closed Source Software (CSS) noch die Vorherrschaft.

Die Aussage über den Einsatzbereich allein sagt noch nichts über den Stellenwert der Software im gesamten Unternehmen aus. Eine Nachfrage sollte hier Klarheit verschaffen.

5.3. Der Stellenwert von OSS in den Unternehmen

OS-Software ist aufgrund der freien Entwicklungs- bzw. Entwicklerstruktur äußerst vielfältig. Den oben untersuchten Einsatzbereichen sind somit zumindest theoretisch keine Grenzen gesetzt. Wird OSS innerhalb des Unternehmens aber jeweils nur in bestimmten Bereichen oder für nahezu alle Bereiche des Unternehmens genutzt? In der quantitativen Online-Befragung gab es die Möglichkeit, mehrere Antwortvorgaben gleichzeitig zu wählen. Ein Rückschluss auf den Stellenwert der Software im Unternehmen ist damit aber nicht möglich.

Die Nachfrage im Rahmen des Interviews verspricht Aufklärung. OS-Software hat nach Auskunft der interviewten Personen einen hohen bis sehr hohen Stellenwert im Unternehmen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass 50 bis 90% der eingesetzten Software im Unternehmen OS-Software ist. Andere als OS-Software tritt also teilweise fast vollständig in den Hintergrund. Die Verbreitung innerhalb des Unternehmens geht so weit, dass manche Interviewpartner bereits von einer Abhängigkeit sprechen, wie folgendes Zitat eindrucksvoll beweist: "Also ohne OSS geht bei uns nichts". Nur einzelne Unternehmen setzen OSS im geringen Umfang ein. Allerdings sprechen diese von einer deutlich erkennbaren, steigenden Tendenz des Einsatzes von OS-Software.

Bei dieser Frage wurden bereits Argumente für den Einsatz und die Nutzung von OSS genannt. So wurde vor allem das Einsparpotenzial, sowie die "Befreiung von Software-Monopolisten" genannt. Die folgende Frage sollte diesen Argumenten tiefer auf den Grund gehen.

5.4. Die Vorteilhaftigkeit der OSS-Nutzung

Die Nutzung von OS-Software birgt nach Meinung des befragten Personenkreises eine ganze Reihe von Vorteilen.

Als einer der größten und damit an erster Stelle zu nennenden Vorteile wird der Kostenaspekt genannt. Gegenüber der OSS-Alternative CSS bietet sich ein weitreichendes Einsparpotenzial. Dies beginnt mit den Anschaffungskosten. Sie betragen in vielen Fällen lediglich die Selbstkosten des Produkts. Bei der Anschaffung hat der Käufer dabei oftmals die Möglichkeit, die Software vorher ausgiebig zu testen. Dieser Umstand wurde äußerst positiv bewertet. Eine weitere Einsparmöglichkeit ergibt sich bei den Wartungskosten. Im Gegensatz zur CS-Software hat der OSS-Nutzer die Möglichkeit, Wartungen an der Software in eigener Regie durchzuführen. Dies spart Kosten für eine externe Wartung und verspricht Flexibilität bei der Zeiteinteilung. Nicht zuletzt wird die OS-Software aufgrund der geringeren oder gar fehlenden Lizenzkosten als günstiger bezeichnet. Die Nachfrage nach einer zahlenmäßigen Einschätzung des Einsparpotenzials wurde allerdings uneinheitlich beantwortet. Die Zahlen schwanken zwischen 10 und 100%. Diese Angabe erscheint zwar willkürlich, lässt aber eines deutlich erkennen: Das Einsparpotenzial durch die OSS-Nutzung erscheint enorm hoch.

Kosten allein sprechen aber nicht für eine Software. Der Support ist bei solch komplexen Produkten von großer Bedeutung. Doch auch hier kann OSS punkten: Die Unterstützung bei der OS-Software ist groß. Probleme beim Einsatz der Software werden in unabhängigen Foren und Communities online diskutiert und auf diese Weise kostenneutral gelöst. Die Foren dienen den befragten Personen gleichzeitig dazu, um ein persönliches Netzwerk aufzubauen. Auf diese Weise können bei zukünftigen Problemen Experten direkt angesprochen werden. Probleme werden so ohne größere Zeitverzögerung gelöst. Ein wichtiger Aspekt, denn einige Befragten bemängelten durchaus die mühsame und teilweise langwierige Lösungssuche in Foren. Diese Aussage deckt sich mit einem Ergebnis aus der Online-Befragung. Hier beklagten über 50% der Teilnehmer einen mühsamen Support.

Ein weiterer positiver Aspekt der OS-Software ist die einmalige Flexibilität. Die Offenlegung der Codes bewirkt, dass jede Software auf die individuellen Bedürfnisse angepasst werden kann. Diese Weiterentwicklungen bewirken dann in einem zweiten Schritt die Unterstützung der Vielfältigkeit sowie die Erhöhung der Sicherheit der OS-Software.

Nicht unbeachtet bleiben auch die rechtlichen Aspekte. Die Befragten Personen lobten mehrheitlich die rechtliche Freiheit im Umgang mit der OS-Software.

Die Vorteile der OS-Software sollten nicht unkritisch in den Raum gestellt werden. Trotz aller Vorteile zeigen sich in der Regel auch Nachteile, wie folgender Abschnitt zeigt.

5.5. Nachteile bei der Anwendung von OS-Software

Die ausgeprägten Vorteile der OS-Software deuten bereits darauf hin: Gravierende Nachteile ließen sich aus den erhobenen Daten nur im vergleichsweise geringem Maße ableiten.

Bei vielen der befragten Personen traten bei der bisherigen Anwendung von OS-Software entsprechend auch noch keinerlei Nachteile auf. Wenn überhaupt, dann waren die Nachteile im Detail zu finden oder wurden als "üblich" für Software bezeichnet. Ein anderer Teil der Befragten berichtete dagegen von Schwierigkeiten bei der Installation und der Konfiguration von OS-Software. Bemängelt wurde dabei, dass sich OSS-Programmierer offenbar stärker auf Leistungsmerkmale als auf den Komfort konzentrieren. Ebenfalls negativ fiel die Kompatibilität von OS-Software auf. Demnach werden bestehende Standards nicht unterstützt (vor allem im Desktop-Bereich). Auf der anderen Seite fehlt es aber ebenfalls an der Treiberunterstützung von Hardware-Herstellern. Dies steht einer weitreichenden Verbreitung von OSS entgegen.

Die Verbreitung von OSS wird ebenfalls bemängelt. Theoretisch könnte OSS in allen denkbaren Bereichen eingesetzt werden. Praktisch ist dies nicht der Fall (genannt wir beispielsweise Buchhaltungssoftware). Eventuell trägt auch das fehlende Marketing Schuld daran. Einige Befragte sehen ein großes Problem darin, dass OSS kaum durch Marketingmaßnahmen unterstützt wird. So fehlt es an Bekanntheit und guten Verkaufsargumenten.

5.6. Innovationspotenzial von OS-Software

Nachdem die Einsatzbereiche, die Vor- und die Nachteile diskutiert wurden, sollen die folgenden zwei Fragen die zukünftige Entwicklung von OS-Software abschätzen. An erster Stelle steht die Frage nach dem Innovationspotenzial: Werden der CS-Software oder der OS-Software mehr Innovationen zugemutet?

Die Frage nach dem Innovationspotenzial war schon Teil der Online-Befragung. Aus der Abbildung 5.6.A lässt sich ablesen, dass ungefähr 50% der Befragten OSS mehr Innovationen zumuten, etwa 50% aber ein Gleichverteilung von Innovationen zwischen OSS und CSS sehen. Auffällig ist, dass nur wenige der hier als "klassische Software" bezeichneten Software mehr Innovation zumuten. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in den Interviews dieser Studie.

[ Abb. 5.6.A: Innovationspotenzial von OSS und CSS ]
Abb. 5.6.A: Innovationspotenzial von OSS und CSS

Insgesamt finden sich bei der Beantwortung dieser Frage drei Gruppen. Die ersten beiden Gruppen muten der OS-Software ein höheres Innovationspotenzial zu. Dies liegt nach Meinung der ersten Gruppe an dem höheren Wissenspotenzial, welches im Rahmen der Entwicklung einer OS-Software einfließt. An einer OSS-Entwicklung sind oftmals Experten aus der ganzen Welt beteiligt, die alle zur Verbesserung des Produkte beitragen. Das differenzierte Know-how garantiert eine hohe Innovationsrate. Die zweite Gruppe der interviewten Personen führt das hohe Innovationspotenzial auf den Idealismus der Entwickler zurück. Die Entwickler sind unabhängig. Gearbeitet wird nicht für einen Shareholder-Value, sondern für die Sache. Das Fehlen hierarchischer Strukturen und damit von Bürokratie beschleunigt zusätzlich die Umsetzung und Realisierung von Neuheiten.

Die dritte Antwortgruppe betrachtet die Frage nach dem Innovationspotenzial differenzierter. Demnach ist die Innovationsrate vom Einsatzbereich der Software abhängig. Im Bereich der Benutzeroberflächen sieht man auf jeden Fall noch einen Vorsprung der CS-Software. OSS profitiert bei Innovationen von der Vielfältigkeit der Entwickler, CSS von der vorhandenen Kapitalkraft.

Einige der Befragten legen sich jedoch nicht auf ein Lager fest. Ihrer Meinung nach zu beurteilen ist das Innovationspotenzial nicht vom offenen oder geheimen Quellcode abhängig, sondern von den Personen, die in den Unternehmen hinter der Entwicklung stehen. Dieser Logik folgend sind Innovationen sowohl im CSS- als auch im OSS-Bereich möglich.

Es bleibt die Frage nach der zukünftigen Bedeutung der OS-Software. Kann sie sich gegen Softwaregiganten durchsetzen oder wird sie auf lange Sicht an Bedeutung verlieren?

5.7. Die Zukunft der OS-Software

Die Probanden der Befragung sind sich einig: "Die Zukunft sieht goldig aus". In Zukunft wird die Bedeutung von OSS deutlich zunehmen. Insbesondere der sich verstärkende Wettbewerb auf den Weltmärkten sowie der dadurch hervorgerufene Kostendruck stellen den Wegbereiter für OS-Software dar. Aber auch der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit des Endverbrauchers trägt zu den positiven Zukunftsaussichten bei. Schon heute werden einige Verhaltensweisen der CSS-Anbieter von Verbrauchern und Anwendern äußerst kritisch betrachtet. Ein Vorteil, den es seitens der OSS-Vertreter zu nutzen gilt.

Allerdings fehlt es der OSS noch an der entsprechenden Lobby. Zwar sind Qualität und Vorteilhaftigkeit unbestritten, doch ein koordiniertes Marketing zur Kommunikation der Vorteile fehlt fast gänzlich. Aus diesem Grund wird sich OSS erst langfristig durchsetzen.

Beachtet werden müssen dabei aber auch äußerliche Umweltfaktoren. So könnten die nationale wie auch die internationale Rechtsprechung eine Hürde auf dem Weg des Erfolgs der OS-Software darstellen.

6. Resümee

Die zweite qualitative Studie des IT-Surveys stellt die Bedeutung der OS-Software in Deutschland dar. Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Verhaltensweisen einiger CSS-Anbieter, denen monopolistische Züge vorgeworfen werden, galt es herauszufinden, welchen Stellenwert OSS in deutschen Unternehmen einnimmt.

OSS wird inzwischen in allen denkbaren Bereichen eingesetzt. Zwar nutzt die Mehrheit der Befragten OSS noch für den Bereich der Internet- und Serveranwendungen, doch findet sich OSS ebenfalls im Bereich der Endanwendungen. OSS stellt dabei keine Randerscheinung in den befragten Unternehmen dar. Der Stellenwert wird durchgehend als hoch bis sehr hoch bezeichnet.

Grund für die weitreichende Nutzung der Software ist die Vorteilhaftigkeit für das Unternehmen. Kosten, Flexibilität, Unabhängigkeit, rechtliche Freiheit, Sicherheit und Supportmöglichkeiten begeistern die Anwender. Dies lässt auch die genannten Nachteile in den Hintergrund treten. Mangelnder Komfort, zu geringe Beachtung von Standards sowie ein schlechtes oder nicht vorhandenes Marketing werden bemängelt.

Trotz allem wird die zukünftige Entwicklung der OS-Software als sehr positiv eingeschätzt. Die Entwicklungs- und die Entwicklerstruktur sowie der mit der Software verbundene Idealismus tragen zu neuen Innovationen und Erfolg bei. OSS wird sich weiter verbreiten und somit stark an Bedeutung gewinnen.

Visualisierungen:

[ Visualisierung: OSS Einsatzbereiche ]
Visualisierung: OSS Einsatzbereiche
[ Visualisierung: OSS: Vor- und Nachteile ]
Visualisierung: OSS: Vor- und Nachteile
[ Visualisierung: Die 4 Säulen des OSS - Innovationspotenzials ]
Visualisierung: Die 4 Säulen des OSS - Innovationspotenzials
[ Visualisierung: Gründe für die Bedeutungszunahme von OSS ]
Visualisierung: Gründe für die Bedeutungszunahme von OSS